FREITAG, 25.11.2016 | 19.30 Uhr

Hadar Noiberg Trio (IL / USA)

Israel ist nicht grade das Land, das man mit Jazz assoziiert und trotz großer Namen wie Roland Kirk oder Herbie Mann ist auch die Flöte nicht das Instrument, an das man beim Jazz als erstes denkt..
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Durch Hadar Noiberg könnte sich dies zumindest ein bisschen ändern. Gut hörbarer Jazz, der grooven kann und der zu gleich Bilder vermittelt. Bilder und Stimmungen aus dem Mittelmeer, Marokko und Persien. Immer wieder klingt orientalisch anmutende Melodik ins Ohr, Flötenlinien winden sich schlangenhaft. Das Trio taucht ein in diese Musik, diese Rhythmen, diese Stimmungen. Da beginnt ein Stück mit vorsichtig angetupftem Bass – der Klang knackt metallisch, der Ton ist leise, der Ausdruck intim, nach innen gewandt..
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Die in New York lebende Flötistin hat ein feines Gespür für Atmosphäre. Da ist dieser geheimnisvolle Wüstenruf, der in eine magisch sich windende Melodie transformiert wird, die immer wieder aus dem „Orient“ ausbricht, mit Blue Notes, mit typisch amerikanischen Wendungen, mit Soul- und Blueszitaten. Diese eher bekannten Wendungen unterstreichen das Exotische sogar. Dabei verdichtet sich die Musik, der Groove wächst, pumpt, Tal Mashiach spielt einen klassischen Walking Bass, Hadar Noiberg legt quirlig-verspielte Linien darüber, die an ein barockes virtuoses Allegro erinnern. Sie weitet das aus, scattet auf der Flöte, der Bassist und der Drummer antworten und plötzlich ist es ein wilder Tanz, der in die Beine geht.


Melanoia (D)

Der Traum im Traum im Traum… Wer kennt sie nicht, die Situation, aus einem Traum zu erwachen und je nach Art des Traums entsetzt oder beglückt festzustellen, dass es sich gar nicht um einen Traum handelt. Dejan Terzic nimmt uns mit seinem Quartett Melanoia – der Begriff steht für die Quersumme von Melancholie und Paranoia – auf eine Tour ins Innerste seiner Träume mit.

Das ist allerdings gar nicht so leicht, wie es sich anhört. Musik ist oft als traumhaft empfunden, ohne von Träumen zu handeln. Ein Traum ist eine sehr transzendente Erfahrung, Musik ein transzendenter Ausdruck. Träume von einer transzendenten Ebene auf die andere zu hieven, funktioniert womöglich nur im Labyrinth, das auf Verschachtelungen basiert, aber weder Peripherie noch Zentrum kennt. Terzic spinnt lineare erzählerische Fäden, ohne dass vor dem Ohr konkrete Figuren oder Landschaften erstehen würden. Die suggestive Kraft der Musik gleicht eher einer Zugfahrt durch die Dämmerung, in der die Außenwelten zu variablen Farbfeldern verschwimmen, Baumkronen für einen Augenblick nach uns greifen und Wolkenformationen uns ein Gefühl von Ewigkeit vermitteln.

Dejan Terzic hat mit Saxofonist Christian Weidner, Pianist Achim Kaufmann, Gitarrist Ronny Graupe und dem frisch dazu gestoßenen Bassisten Jonas Westergaard eine Band um sich geschart, die man im euphorischsten Sinne des Wortes als Allstar-Formation des deutschen Jazz bezeichnen kann. Mit dem Debüt von Melanoia erhielt Terzic 2014 den ECHO Jazz als bester Schlagzeuger national.


SAMSTAG, 26.11.2016 | 19.30 Uhr

Bojan Z. & Nils Wogram (CH / FR)

Zwei Mann, ein Wort! Manche Geschichten Schreiben sich von selbst. Sie sind unausweichlich, müssen geschrieben werden, aus dem ganz einfachen Grund, dass sie sonst ungeschrieben blieben. Eine solche Geschichte ist das Duo des in Frankreich lebenden serbischen Pianisten Bojan Z. und des in der Schweiz lebenden deutschen Posaunisten Nils Wogram.

Als die beiden Musiker anlässlich des Festivals Jazzdor Straßburg Berlin anno 2012 erstmals gemeinsam auf der Bühne standen, war das von einer erschütternden Selbstverständlichkeit. Da waren zwei Musiker, die intuitiv eine gemeinsame Erzählebene gefunden hatten, nicht weil sie sich darum hätten bemühen müssen, sondern weil diese Spielwiese einfach da war. Wenn jemals zwei Musiker tatsächlich den Augenblick gespielt haben, ohne Konzept, Ambitionen und sonstigen Firlefanz, sondern um sich und dem Publikum so unprätentiös wie möglich zu erzählen, was sie sich genau in diesem Augenblick zu erzählen hatten, dann sind es diese beiden.

Nils wie Bojan haben die Tendenz zu Produktionen, die – jeder auf seine Weise – stets sehr komplett sind. Zu dem holistischen Gesamteindruck ihres Zusammenspiels kommt eine Komponente beiläufiger Offenheit hinzu, in die sich der Hörer mit seiner ganzen Imagination eingeben kann. Wogram und Zulfikarpasic haben sich eine Detailschärfe angeeignet, die nicht nur vergessen macht, welcher Impuls jeweils von Klavier und Posaune ausgeht, sondern in deren lustvoller Logik sich Prinzipen wie Improvisation und Komposition aufheben.


Tingvall Trio (D)

Das Tingvall Trio steht in den letzten zehn Jahren für eine beispiellose Erfolgsgeschichte im deutschen Jazz. Von der ungestümen Kiez Band aus Hamburg hat sich das Ensemble zu einem der überragenden Exportschlager in ihrem Genre entwickelt. So ganz nebenbei ist es ihnen dabei nicht nur gelungen, verschiedene Generationen hinter ihrem musikalischen Konzept zu vereinigen, sondern vor allem auch ein junges Publikum für den Jazz zurück zu gewinnen.
Und jetzt das erste Studioalbum nach drei Jahren. Schlicht mit „Beat“ betitelt.
Es ist der eigene Beat des Trios, der die Erfolgsgeschichte befeuert hat: Starke Melodien, famoses Ensemblespiel, keine Scheu vor der Nähe zur populären Musik. Jazz, der die Herzen des Publikums erreicht und mit der Dynamik einer Rockband kokettiert. Ihr neues Album ist eine unwiderstehliche Mischung aus tiefgehenden Kompositionen wie „Den Gamle Eken“ (dt. Die alte Eiche“), beschwingt daherkommenden Krachern wie „Spöksteg“ (dt. „Geisterschritte“), dem düsteren „I Skuggorna“ (dt. „In der Finsternis“) und magischen Momenten wie beim in sich ruhenden Titelsong „Beat“, die den ganz eigenen Trio–Sound zaubert. Dabei erweitert Omar Rodriguez Calvo sein Soundspektrum dieses Mal in vielfältiger Weise durch gestrichenen Kontrabass, während Jürgen Spiegel neben seinem Schlagzeugspiel noch ein ebenso ungewöhnliches wie unerwartetes Instrumentarium von Sounds mit Waschbrett, Bilderrahmen und anderem erzeugt. Im Fahrersitz mit Martin Tingvall, ein Pianist, der die Poesie zulässt ohne die gelegentlich abgründige, dunklere Seite in seinen Kompositionen auszublenden.